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Veröffentlicht am 20.04.2009 von Kitas Cuxhaven

Allgemeine News: Kinder sind mehr wert...

 

Kinder sind mehr wert – Für unsere Zukunft. Richtig. Wichtig.
 
Die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege fordert bessere Rahmenbedingungen für Kindertageseinrichtungen in Niedersachsen
 
Sigrid Sternitzke
Referentin für Integration
Landeskirchliche Fachberatung und Fortbildung
für evangelische Tageseinrichtungen für Kinder
Diakonisches Werk der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers e.V.
 
Zurzeit führt die LAG FW die Kampagne „Kinder sind mehr wert“ durch. In ihrem Positionspapier werden Forderungen an die Arbeits- bzw. Rahmenbedingungen im Interesse von Kindern, Eltern, der gesamten Gesellschaft und …natürlich auch für das pädagogische Personal formuliert (siehe KiTa aktuell 3/2009). Des Weiteren wird betont, dass zusätzliche Faktoren wie besondere Förderbedarfe von Kindern mit Behinderungen (oder von Behinderungen bedroht) sowie spezielle Lebenslagen – in denen Kinder aufwachsen - mit berücksichtigt werden müssen.
 
Dieser Artikel wird sich mit der gemeinsamen Bildung und Erziehung aller Kinder – Integration – befassen und herausstellen, dass das Prinzip der Inklusion im Bereich der gesamten Pädagogik handlungsleitend sein sollte.
 

 

Niedersächsisches Erprobungsprojekt zur gemeinsamen Bildung und Erziehung behinderter und nichtbehinderter Kinder im Kindergarten
 
Der Blick zurück zeigt, dass die Integrationsbewegung in Niedersachsen ihren Ausgangspunkt im Kindertagesstättenbereich genommen hat, und als Erfolg der Eltern zu verzeichnen ist. Die Elternbewegung hat unter Integration schon immer die gleichberechtigte Teilnahme ihrer Kinder am gemeinsamen Leben und Lernen verstanden. Für Eltern ist Integration ein Menschenrecht und keine Ideologie, für die oder gegen die man sein kann.
In dem Niedersächsischen Erprobungsprojekt 1988-1991) ging es nicht um Klärung der Frage:“ Können behinderte Kinder, die einen besonderen Förderbedarf haben, gemeinsam mit nichtbehinderten Kindern in Kindertageseinrichtungen erzogen, gebildet und betreut werden?“ Dass dieses geht, war mehrfach bewiesen und, dass Erprobungsprojekt hat abermals belegt, dass alle, behinderte und nicht behinderte Kinder, von der Integration profitieren.
Das Hauptanliegen war, mit Hilfe wissenschaftlicher Begleitung und Auswertung Formen und Regelungen für die flächendeckende Umsetzung des Zieles – integrative Erziehung – in Niedersachsen zu entwickeln (vgl. Fichtner/Timmann).
Grundlegend waren folgende Leitgedanken:
-          Artikel 3 GG: Die Gleichheit aller Menschen. Daraus folgernd
-          das Recht aller Kinder auf eine allseitige und umfassende Entwicklung ihrer Persönlichkeit
-          folglich sind Teilnahme und Teilhabe am gemeinsamen Spielen und Lernen Ansprüche, die allen Kindern zusteht
-          Kinder werden als Subjekte und nicht als Objekte wahrgenommen und damit ihre Ressourcen in den Mittelpunkt ihres Handelns gestellt
-          das die von Förderung in einem Gesamtkonzept eingebettet (integrierte Therapie) ist
Zum Zeitpunkt des Modellprojektes gab es noch keine „integrationspädagogische“ Ausbildung und den Verantwortlichen war bewusst, dass der Einsatz von heilpädagogischen Fachkräften in jeder integrativen Gruppe schnell an Kapazitätsgrenzen stoßen würde. Vor diesem Hintergrund wurden Langzeitfortbildungen – in denen heilpädagogische Qualifikationen vermittelt wurden - entwickelt, um die Erzieherinnen auf die Herausforderungen vorzubereiten.
 
Deutlich wurde, dass sich im Modellprojekt ein inhaltlich und fachliches sowie organisatorisch umfassendes Wissen in der integrativen als auch im „Regelbereich“ der Kindertagesstättenarbeit entwickelt hat (z.B. (vgl. Fichtner/Timmann) und, dass in integrativen Kindertageseinrichtungen alle Kinder erfolgreich gefördert werden können, wenn bestimmte Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dies hatte zur Folge, dass die Rahmenbedingungen zur Einrichtung integrativer Gruppen im „Gesetz über Tageseinrichtungen für Kinder (KiTaG) verankert wurden (2.DVO).
 
 
Zusammenfassende Entwicklung in Niedersachsen
 
Zusammenfassend kann man die Integrationsentwicklung in Niedersachsen annähernd so darstellen:
-          es sind neue Sichtweisen in der frühkindlichen Pädagogik entstanden, die auf Subjekthaftigkeit, Autonomie und der Wertschätzung von Vielfalt basieren
-          die frühkindliche Bildung wird verstärkt in den Mittelpunkt gerückt
-          ein „neues“ Bild vom Kind: Kind als Akteur seiner eigenen Entwicklung
-          das Verhältnis zwischen integrativen und heilpädagogischen Einrichtungen befindet sich in einigen Bereichen von Niedersachsen noch in einem Klärungsprozess. Häufig ist es eher das Geld, das eine Entscheidung befördert als das Wohl des Kindes
(vgl. Daniela Kobalt Neuhaus
 
 
Integrationsbegriff
 
Integration meint in seiner ursprünglichen Bedeutung das Zusammenfügen von Teilen zu einem Ganzen. Im pädagogischen Bereich bedeutet integrieren das gemeinsame Bilden, Erziehen und Betreuen von allen Kindern – alle spielen und lernen gemeinsam.
Wie Integration in der Praxis aussehen soll, darüber besteht keine übereinstimmende Meinung:
-          für die Einen ist „Wir integrieren Kinder mit Behinderungen in unserer Kindertageseinrichtung – schon lebe ich die Integration“. Bei dieser Annahme beschränkt sich die Integration oftmals allein auf dieses „Aufnehmen in der Kindertageseinrichtung“ und wird so zu einer einseitigen Annäherung. Das Kind wird integriert.
-          für die Anderen ist Integration die Idee, dass alle Kinder gleichberechtigt und selbstbestimmt an der Gemeinschaft, der Kindertageseinrichtung, teilnehmen können - Kinder sollen gar nicht erst ausgegrenzt werden. Dieses entspricht der Idee, was unter Inklusion zu verstehen ist. Nicht „ist das Kind integrationsfähig“ sondern ist „die Einrichtung integrationsfähig“ steht im Fokus der Überlegungen.
 
Integration ein wechselseitiger Prozess
 
„Wenn unter Integration die Herstellung eines Ganzen, alle Aspekte der Ganzheitsbildung verstanden werden soll und wenn gilt, dass Integration ein wechselseitiger Prozess ist, dann wird deutlich, dass es nicht um eine einseitige Annäherung gehen kann, sondern um eine Positions- und Haltungsänderung auf allen Seiten“ (Daniela Kobalt Neuhaus).
Kontakte allein bewirken keine Einstellungsänderung gegenüber Menschen mit Behinderung, Migrationshintergrund… Entscheidend ist die Qualität der Prozess und Inhalt der Kontakte.
 
 
Integrative Bildung und Erziehung in den evangelischen Kindertagesstätten( der Landeskirche Hannovers, Schaumburg-Lippe und den Ev. reformierten)
 
Ich möchte nun kurz aufzeigen, wie Integration in evangelischen Kindertageseinrichtungen verstanden wird.
In den vergangenen 20Jahren haben sich Kirchengemeinden verstärkt der integrativen Bildung und Erziehung im Bereich der Kindertagesstätten angenommen. Die gemeinsame Erziehung und Bildung im vorschulischen Praxisfeld ist für Träger, Fachkräfte und Eltern eine Selbstverständlichkeit. Die Erkenntnis, dass das Miteinander im Spielen und Lernen für alle Kinder anregend ist – es trägt zur Entfaltung neuer Kompetenzen bei -, hat zur Folge, dass Landesweit zu beobachten ist, dass sich fast im jeden Kirchenkreis ein Angebot an „Integrationsplätzen“ in integrativen Gruppen/und oder Einzelintegration befindet. Von den 770 Einrichtungen verfügen 176 über integrative Gruppen und 8 über eine Einzelintegration. Daraus kann geschlossen werden, dass der integrative Gedanke inzwischen zu einem fast selbstverständlichen Bestandteil der Kirchengemeinden geworden ist und den Besonderungsgedanken abgelöst hat.
 
Inklusion
 
Neu in die Fachdiskussion der gemeinsamen Erziehung und Bildung aller Kinder ist nun der Begriff „Inklusion“ gekommen und die Frage, was der Unterschied ist. Folgende Ausgangslage führte zu dieser Diskussion:
-          die Veränderung der Lebensbedingungen von Kindern in den vergangenen 20Jahren und damit auch deren Entwicklungsmöglichkeiten
-          der dramatische Anstieg von psychosozialen Risikofaktoren: „zivilisationsbedingte“ Entwicklungsstörungen
-          besorgniserregender Anstieg von Kindern mit sozial-emotionalen Auffälligkeiten
-          hoher Einfluss ökosystemischer Bedingungen und damit einhergehend die Zunahme von Belastungsfaktoren (Armut, Alleinerziehend, Krankheit der Eltern usw.)
-          Zunahme von Kindern, die aufgrund fehlender innerfamiliärer Strukturen Bindungslosigkeit und Traumatisierung (z.B. Gewalt) erfahren haben
-          das Ergebnis der UNESCO-Konferenz 1994 in Salamanca: Das Hauptergebnis war eine Erklärung über die Inklusion als wichtigstes Ziel der internationalen Bildungspolitik
-          die UN-Kinderrechtskonvention, die großes Gewicht darauf legt, dass eine frühzeitige Förderung für Kinder wichtig ist sowie der §23 der UN-Kinderrechtskonvention: Kinder mit Funktionsbeeinträchtigungen sollen einen einfachen Zugang zu Förderung und Bildung erhalten und die Forderung,
-          dass eine Kombination des Allgemeinen mit dem Speziellen vorgenommen wird. Es soll keine Kindertageseinrichtungen mehr nur für die „normalen“ und für die „anderen“ Kinder geben. Die pädagogische Arbeit soll alle mit einschließen und soll in der Kindertageseinrichtung und in der Gemeinschaft erfolgen
-          die UN-Konvention zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderung: Artikel 24 ist Grundlegend für die inklusive Bildung. Im Absatz 1 erkennen die Vertragsstaaten das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung an. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen mit dem Ziel,..
-          Bildungsbericht: Bildung in Deutschland 2008 - Prävention im frühkindlichen Bereich
-          dass Kinder aus sozial benachteiligten Entwicklungsbedingungen nicht übersehen werden und eine Lobby haben
-          dass die Zwei-Welten-Theorie (Behinderte und Nicht-Behinderte) überwunden wird
 
Für uns bedeutet Inklusion:
-          alle Menschen haben die gleichen Rechte und Pflichten!
-          es ist normal verschieden zu sein!
-          niemand wird auf Grund seiner Behinderung ausgegrenzt!
 
Unterschied zur Integration:
-          Inklusion vermeidet Ausgrenzung!
-          Alle gehören von Anfang an dazu!
 
Der Fokus der Inklusion liegt nicht an der Anpassung des Individuums an die Gesellschaft sondern an dem gesellschaftlichen System, das es zu verändern gilt: Es gibt keine behinderten Kinder, sondern behindernde Strukturen!
 
„Bei Inklusion geht es darum, alle Barrieren für Spiel, Lernen und Partizipation für alle Kinder auf ein Minimum zu reduzieren“ (Booth/Ainscow 2006, S. 13). Inklusion erfordert, die Kindertageseinrichtung so zu gestalten, dass Kinder mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen sich erfolgreich (miteinander) weiter entwickeln können.
 
 
Probleme der Umsetzung
 
Angesichts der positiven Entwicklung der gemeinsamen Erziehung und Bildung in den Kindertageseinrichtungen, könnte man meinen, dass Inklusion auf einem guten Weg ist. Es gibt jedoch Realitäten für das Gegenteil. Einige sind:
-          das Beibehalten starrer administrativer Strukturen: medizinisch – therapeutisch –(heil)pädagogisch
-          die Unterstützungsmaßnahmen für behinderte oder von Behinderung bedrohte Kinder werden nur nach einem aufwendigen Antragsverfahren sowie hoch-schwelligen Eingangsuntersuchungen gebilligt. Psychosoziale Bedingungsfaktoren (Kinder mit psychosozialen Risiken) werden selten anerkannt
-          zusätzliche Personalressourcen – heilpädagogische Fachkraft – für die Kindertageseinrichtungen werden nur dann genehmigt, wenn eine „anerkannte“ teilstationäre Maßnahme bewilligt wurde
-          Maßnahmen der frühen Hilfe sind auf ausreichende finanzielle Ressourcen angewiesen: Aufgrund leerer öffentlicher Kassen sind positive Entwicklungen mancherorts zum Erliegen gekommen und es besteht die Gefahr, dass bei Kindern mit Förderbedarf die notwendigen Rahmenbedingungen nicht gesichert sind
-          die besondere Belastung und Beanspruchung die MitarbeiterInnen unter den jetzigen Rahmenbedingungen ausgesetzt sind, erfordert genügend Zeitressourcen. Z.B. für netzwerkorientierte Tätigkeiten
 
Forderungen an die Politik
 
In dem „Bericht der Bundesregierung über die Lage behinderter Menschen und die Entwicklung ihrer Teilhabe“ 2004, hat sich die Bundesregierung positiv zur integrativen Förderung im Vorschulalter geäußert: „Die Chancen für eine erfolgreiche integrative Förderung sind im Kinderkrippen- und Kindergartenalter besonders groß, weil hier Vorurteile und Scheu noch wenig entwickelt sind und die Kinder unbefangen aufeinander zugehen. Dem tragen die verstärkten Bemühungen der Städte, Gemeinden und freien Träger um eine gemeinsame Erziehung behinderter und nichtbehinderter Kinder in Regel und Sonderkindergärten Rechnung. Ziel ist, durch eine frühzeitige Integration die Startbedingungen behinderter Kinder zu verbessern und die Entwicklung sowohl der behinderten wie der nichtbehinderten Kinder zu fördern“(Seite 60)
Ein konsequentes Weiterdenken fordert die Politik auf, Rahmenbedingungen zu schaffen, die die Entwicklung in Richtung eines inklusiven Bildungssystems – so wie es die UN-Konvention zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderung fordert - befördern. Der Umfang des Förderbedarfs darf dabei kein Ausschlusskriterium sein, Kinder mit sozial-emotionalen Auffälligkeiten auszuschließen. Um das umzusetzen, ist ein abgesichertes Finanzierungskonzept erforderlich.
Die politische Diskussion um frühe Prävention dreht sich vielfach im Kreis und die Verstärkung früher Förderung unterbleibt mit Blick auf die Kosten. Auf der Basis von Langzeituntersuchungen aus den USA lässt sich jedoch mittelfristig ein erheblich volkswirtschaftlicher Nutzen der frühen Förderung nachweisen – 1$ Prävention spart ca. 8-14$ an Intervention (Prof. Dr. Hillenbrand Uni Köln – vds Fachtung 2009).
 
Des Weiteren sind Maßnahmen zu treffen, die nicht nur das Kind sondern das gesamte System Familie mit in den Blick nehmen. Es sind Konzepte zu entwerfen, die einen besseren niedrigschwelligen Zugang zu jenen Familien verwirklichen lässt, die als „bildungsfern“ bezeichnet werden (z.B. Familienzentrum).
 
 
Fortbildungen als Grundlage für effektives Handeln
 
Im Hinblick auf die Entwicklung zu einer inklusiven Kindertageseinrichtung müssen zukünftig fachliche Kompetenzen für die gemeinsame Erziehung ALLER Kinder und die Zusammenarbeit mit Eltern nicht nur verstärkt in entsprechende Fort- und Weiterbildungsangebote Eingang finden sondern auch in Ausbildungsstätten.
 
 
 
Fazit
Nach dem aktuellen Kenntnis –und Wissensstand sind inklusive Betreuungsformen die geeignete Organisationsform, wenn Prozesse der Bildungsbenachteiligung und institutionellen Diskriminierung vermieden werden sollen.
Die Politik ist gefordert, adäquate Rahmenbedingungen für diese Aufgabe zu schaffen und abzusichern.

Dabei erachte ich es besonders wichtig, dass wir in Zukunft eine Diskussion führen, die nicht von den Institutionen ausgehen, sondern vom Kind. Eine Vernetzung scheint unumgänglich. Frühförderung, Kita, Schule und familienbegleitende Dienste werden sich weiterentwickeln müssen und miteinander kooperieren

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